Obstsalat

„Was wünschst du dir?“, möchte ich fragen. Jemanden, dem ich eben nicht nur Geld in die Hand drücke und weiterziehe, sondern einen Hilfesuchenden, einen dem ich wirklich gern etwas gebe, vielleicht einen neuen Freund. Eine Person, der ich helfen kann. Heute gehe ich in die Stadt und finde einen Buddy!

Freitagabend. Die Stadt ist voll. Zu voll dafür, dass wir gerade alle am besten zu Hause wären. Auf meinem Weg zum Supermarkt blicke ich umher, doch hier ist kein Obdachloser. Auf dem Rückweg sehe ich an einer Straßenecke einen Wohnungslosen  liegen. Er schläft. Ich werfe ihm ein paar Münzen in seinen Kaffeebecher. Hätte ich dich angesprochen, wenn du wach gewesen wärst?

Jedes Mal das Gleiche. Gar nicht so einfach rauszugehen und einen Freund zu finden. Wo sind die Obdachlosen eigentlich alle während der Pandemie? Die bekannten Gesichter vom letzten Jahr sehe ich kaum mehr. Keine Chance.

Heute gehe ich zur Post und möchte ein paar Weihnachtsgeschenke abgeben. Es ist Montagabend. Wenn es zu voll sein wird, werde ich wieder zurückgehen. Es regnet und die Pakete werden nass. Ich denke daran wie ich auf dem Sofa sitze, einen warmen Tee zwischen beiden Händen. Überraschend, aber es ist sehr leer heute, am Wochenende hätte ich stundenlang angestanden. Da hat sich der Regen dann doch gelohnt. Zettel drauf, Pakete übers Band, kontaktlose Zahlung, fertig.

Auf dem Rückweg sehe ich zwischen all den Menschen durch den Regen hindurch eine Person. Das unscharfe Bild der Gestalt wird mit jedem Schritt deutlicher: Eine alte Dame sitzt dort auf ihrem Rollator, den Schal um Mund und Nase gewickelt, sie blickt nach unten, dennoch hat sie etwas Vertrautes, etwas Warmes in den Augen, das ich nicht genau beschreiben kann. Als ich sie sehe, habe ich ein merkwürdiges Gefühl. Ich nehme an zu wissen, dass diese alte Dame mein Buddy werden wird. Sofort fühle ich mich ganz unwohl. Tausend Fragen schwirren mir durch den Kopf: „Darf man fremde Leute einfach mit so einem Gefühl ansehen?“ Vielleicht möchte die alte Dame meine Hilfe ja gar nicht. Vielleicht mag sie mich ja gar nicht. Reflexartig durchsuche ich mit meinen Händen meine Jackentaschen. Es ist nicht viel, was ich noch habe, aber immerhin etwas. Als ich die Münzen in ihren leeren Kaffeebecher werfe und zeitgleich ein unsicheres „Hallo“ von mir gebe, sieht die Dame ein wenig auf: „Danke“ sagt sie leise. Vor ihr steht ein Pappschild:

„Gerne nehme ich auch Essensspenden entgegen“.

Ich laufe weiter. Es sind keine 50 Meter bis ich wieder zu ihr umkehre. 

„Wenn ich nochmal irgendwann bei Ihnen vorbeikomme, was würden Sie sich dann zu essen wünschen?“ Eine kurze Pause. 5 Sekunden, die mir vorkommen wie eine halbe Ewigkeit. War ich zu voreilig? Ich sehe wie sich der Kopf der alten Dame erneut nach oben bewegt, diesmal nicht nur ein wenig, diesmal hebt sie ihn aufrecht. Sie schaut zu mir nach oben. Es sind die Augen, die ein kleines Kind macht, wenn man es fragt, was es sich zu Weihnachten wünscht. Es ist ein ehrlicher Blick, ein klarer Blick, in dem ein wenig Verzweiflung mitschwingt, als sie laut und deutlich sagt: „Obstsalat“. „Obstsalat“, wiederhole ich, als hätte ich sie nicht richtig verstanden. „Vielleicht sehen wir uns ja nochmal wieder“, sage ich und gehe weiter. „Obstsalat“, denke ich und muss lächeln. „Obstsalat“, denke ich und fange an zu rennen. „Obstsalat.“ Fast zu Hause. Hände waschen, Handschuhe an, Maske anbehalten. Der wahrscheinlich am schnellsten und hygienischsten zubereitete Obstsalat meines Lebens.

Ob sie wohl noch da ist? Wie sehr ich mich plötzlich dafür schäme, 3 Minuten Regen nicht auszuhalten und wie gerne ich plötzlich noch einmal nach draußen gehe. Noch 200 Meter, ich sehe sie nicht mehr. Ich war zu langsam, oder vielleicht doch nicht? Noch 100 Meter und dort ist sie! Ich drücke ihr den Obstsalat mit so viel Abstand wie es nur geht in die Hand. Sie strahlt. „Vielen Dank! Das ist sehr nett von Ihnen.“ Höre ich sie sagen. Erleichterung. Wann sehen wir uns wieder?

Selten hat mich etwas so lange beschäftigt. Selten habe ich einen Wunsch so gerne erfüllt wie diesen. „Was wünsche ich mir?“, frage ich mich selbst. Obstsalat. Für dich. Für uns. Für alle. Jeden Tag und immer ein wenig Obstsalat.