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Erfahrungen

Einfach mal „Hallo“ sagen…

„Die Sonne knallt, es ist schwül und ich habe plötzlich unglaubliche Lust auf Eis. Ich frage mich: Was wünscht sich ein anderer Mensch gerade?“
Mia setzt sich heute zum Ziel, mit einigen Obdachlosen ins Gespräch zu kommen

Die Sonne knallt, es ist schwül und ich habe plötzlich unglaubliche Lust auf Eis. Also zieh’ ich mir Turnschuhe an und laufe los. Ich mache einen kurzen Halt bei der Sparkasse. Heute habe ich einen Plan: Ich möchte mit jemandem ins Gespräch kommen, der sich vielleicht nicht einfach so ein Eis leisten kann. Und vielleicht auch ein Eis ausgeben. 

Als ich durch die Sonne über die Brücke laufe, freue ich mich schon auf eine kalte Dusche bei mir Zuhause. Als ich in der Innenstadt ankomme denke ich darüber nach, wie viel Planung und Anstrengung andere Menschen investieren müssen, um im Sommer einfach mal zu duschen.  Es ist trotz Corona unglaublich voll, so als wäre rein gar nichts.

Ich gehe durch einen kleinen Park und mir fällt auf, wie viele Menschen einen großen Frappuccino oder eine ganze Pizza verdrücken. Wenn ich darüber nachdenke, dass dieser Eiscafé über sechs Euro kostet, muss ich schlucken. Im Schatten gegenüber sitzen einige Obdachlose: Was für ein komisches Bild. Mir fällt mein Plan wieder ein, aber es fällt mir schwer jemanden anzusprechen. Ich sehe große Gruppen, teils ruhig beieinander sitzende, aber auch laute und wild gestikulierende Menschen. In der Hand eine Bierflasche. Irgendwie das absolute Klischee eines Obdachlosen. „Was tue ich hier?“, denke ich mir und gleichzeitig schäme ich mich für diesen Gedanken. 

Steinbank vor einer U-Bahnstation. Bäume im Hintergrund

Eine Straße weiter ist es etwas ruhiger. Ich sehe einen Mann mit einem Spendenbecher. Ich muss mich überwinden ihn einfach mal anzusprechen und ich weiß gar nicht warum, denn eigentlich bin ich ziemlich aufgeschlossen. Trotzdem habe ich Angst, dass er mich vielleicht verurteilt, wegschickt oder er sich bevormundet fühlt. Ich krame etwas Geld aus meinem Portemonnaie, und stelle mich vor. Ich frage, ob ich mich kurz mit ihm unterhalten darf. „Natürlich“, sagt er. Er heißt Thomas. Warum er hier sitzt, frage ich ihn. Er hat ein Dach über dem Kopf und es ist ihm peinlich zu betteln, deshalb sammelt er in einer anderen Stadt Geld als er wohnt, er möchte nicht von ehemaligen Arbeitskollegen erkannt werden. Bald kann er wieder arbeiten, angeblich schon nächste Woche. Das ist aber ein Job, der ihm  keinen Spaß macht. Eigentlich wäre ihm etwas in der Landwirtschaft oder mit Tieren am liebsten. Ich sage ihm, dass ich die Augen offen halten werde, wenn ich was höre. Ob er Zugang zum Internet hat, frage ich. Thomas möchte nicht ins Internet, er finde Internet ist unnötig und gefährlich. Es fällt mir schwer, das Gespräch aufrechtzuerhalten, also frage ich „Was kann ich jetzt für dich tun? Was freut dich mehr: Geld, ein Gespräch oder einfach Essen?“. Er ist sich nicht ganz einig, aber präferiert Geld. Also gebe ich ihm etwas und verabschiede mich.

Nur 20 Meter weiter treffe ich Christopher, er ist gepflegt, sauber und sehr eloquent. Ich merke, wie gut man sich mit ihm unterhalten kann und habe das Gefühl, dass auch er es genießt, einfach so einen kleinen Plausch zu halten. Er verkauft eine Zeitschrift. Ich gebe ihm etwas Geld und frage ihn, ob er sich über einen Kaffee oder etwas zu essen freuen würde. Er lächelt und hält einen Kaffeebecher hoch. Den hat er von einem Kaffeewagen bekommen. Christopher freut sich immer, wenn jemand einen Kaffee vorbeibringt oder mit ihm was essen möchte. Von vormittags bis abends ist er auf der Straße und verkauft das Magazin „Fifty-Fifty“. Mit 61 Jahren finde er keinen anderen Job mehr, sagt er. Gerade bei gutem Wetter laufe das Geschäft ganz gut, aber es sei auch recht anstrengend. Er habe seine Stammkundschaft, aber viele Menschen spendeten auch einfach nur. Wie lange er das städtische Obdachlosen-Magazin noch verkaufen kann, weiß er nicht. „Aber alles ist besser als den ganzen Tag nichts zu tun“, sagt er. Wir verabschieden uns mit „Bis bald!“ und ich wandere weiter die Straße hoch.

Eingefasster Baum vor einem Bauzaun mit Graffiti. Pflasterstein.

Von weitem sehe ich einen jungen Mann. Er sitzt am Bordstein, hat eine Maske auf und hält seine Käppi mit der Öffnung nach oben vor sich. Ich gehe gezielt auf ihn zu und werfe mein letztes Kleingeld hinein. Er schaut hoch, lächelt mich freudestrahlend an und wünscht mir einen tollen Tag. Ich frage ihn, ob ich mich kurz mit ihm unterhalten darf. Er freut sich über die Gesellschaft. Er hat nichts bei sich außer der Mütze. Ich möchte wissen, ob er sonst noch etwas besitzt und wo er schläft. Er erzählt mir, er habe ein paar Orte weiter ein Parkhaus gefunden. Dort geht er nachts hinein und morgens um sechs verschwindet er wieder. Seinen Schlafsack und ein paar wenige Sachen, die er besitzt, versteckt er in einem Busch. Es wird viel geklaut, sagt er mir. Pro Woche hat er 30 Euro zur Verfügung. Er ist unglaublich offen und scheint viel erzählen zu wollen. Ich frage ihn, ob er sich denn vielleicht über etwas zu Essen freuen würde oder ob er Kaffee trinkt. Bei dem Wort Kaffee leuchten seine Augen. Er trinkt sehr gerne Kaffee mit Milch und mit Zucker, sagt er. Als ich ihn frage, ob ich ihm schnell einen holen soll, schaut er erst überrascht und nimmt dann dankend an. Als ich mit einem Cappuccino und zwei Zucker zurückkomme, lächelt er und sagt mir, wie sehr er sich jetzt auf diesen Kaffee freut. Ich sage, dass ich jetzt öfter hier vorbeikommen werde und dass er mich ruhig ansprechen soll, wenn er etwas braucht. Wir verabschieden uns und ich laufe nach Hause. 

Ich habe heute drei verschiedene Personen kennengelernt und sie mich. Ein Zuhause zu haben scheint mir jetzt wie ein Privileg.

An der Haustür angekommen fällt mir auf: Ich hab’ mir gar kein Eis gekauft.